Hitze

Wegschauen oder Handeln?

Warum Deutschland jetzt einen nationalen Sicherheitsaktionsplan Hitze braucht.

Hitze führt zu vielfältigen Herausforderungen. Hier ein Beispiel nur eines Hitzetages in Berlin:

https://www.tagesspiegel.de/berlin/hitzewelle-in-berlin-temperaturrekord-in-der-hauptstadt-gebrochen–2055-einsatze-am-samstag-fur-die-berliner-feuerwehr-15762498.html

Hitzetote

In den vergangenen zehn Jahren (Zeitraum 2015 bis 2024) gab es in Deutschland laut den Erhebungen des Robert Koch-Instituts (RKI) im Durchschnitt rund 4.100 hitzebedingte Sterbefälle pro Jahr. Die jährlichen Zahlen schwanken allerdings stark, da sie massiv von der Dauer und Intensität konkreter Hitzekrisen abhängen.

  • 2025: ca. 2500 Hitzetote
  • 2024: ca. 2.800 Hitzetote
  • 2023: ca. 3.100 Hitzetote
  • 2022: ca. 4.500 Hitzetote
  • 2018 (Extremjahr): ca. 8.500 Hitzetote
  • 2003Y ca. 7000 Tote in Deutschland, ca. 65.000 in West- und Mitteleuropa. Das war bis dahin die größte Umweltkatastrophe seit der großen Manndränke 1362

Hintergrund zur Statistik
Da Hitze auf dem Totenschein selten als direkte Todesursache eingetragen wird – meist wird die zugrundeliegende chronische Erkrankung wie eine Herz-Kreislauf- oder Lungenerkrankung vermerkt –, ermittelt das RKI die Zahlen über statistische Modelle. Berechnet wird dabei die sogenannte hitzebedingte Übersterblichkeit.

Obwohl die Sommer im Zuge des Klimawandels im Mittel immer wärmer werden, lagen die Jahre 2023 und 2024 etwas unter dem Zehnjahresschnitt. Das lag vor allem daran, dass extrem lang anhaltende, ununterbrochene Hitzekrisen mit heißen Nächten in diesen beiden Sommern seltener waren als beispielsweise im Rekordjahr 2018.

Die städtische Hitze wird in Zukunft zu weiter steigenden Todesfällen, sinkender Produktivität und weniger Lebensqualität führen. Um diese menschengemachte Probleme zu reduzieren braucht es neben dringendst notwendigen Klimaschutz- und Klimaanpassungsmaßnahmen unmittelbar wirksame Maßnahmen darüber hinaus.

Wir dachten, es geht immerhin um das Überleben unserer Zivilisation, die Menschheit kann gar nicht so verbohrt und gleichgültig sein, dass sie hier nicht entschlossen gegensteuert. Dass man zum kollektiven Selbstmord aus Bequemlichkeit bereit ist, ging über unsere Vorstellungskraft.

Prof. Hans Joachim Schellnhuber

https://www.klima-mensch-gesundheit.de/hitze-und-hitzeschutz/hitze-und-klimawandel

Berechnungen des Hitzeindex

Das sog. “deutsche Modell” (Gefühlte Temperatur) GT beruht auf dem Klima-Michel-Modell, welches Prof. Dr. Gerd Jendritzky Ende der 70er Jahre entwickelt hat. Es wurde später von H. Staiger weiterentwickelt. Die Entwicklung von UTCI begann in den Nullerjahren, nach zögerlichen Anfängen sehr erfolgreich im Rahmen der europäischen COST Action 730, die durch Prof. Dr. Gerd Jendritzky geleitet wurde. UTCI hat sich inzwischen als ein globaler Standard entwickelt. UTCI hat sich seither als State-of-the-Art etabliert und sollte auch in Deutschland Anwendung finden.

optimierung des Hitzewarnungen

deutscher thermischer Gefahrenindex

Gefühlte Temperatur [°C]Thermisches EmpfindenGesundheitliche Gefährdung
über 38sehr heißsehr hoch
32 bis 38heißhoch
26 bis 32warmmittel
20 bis 26leicht warmgering
0 bis 20behaglichkeine
-13 bis 0leicht kühlgering
-26 bis -13kühlmittel
-39 bis -26kalthoch
unter -39sehr kaltsehr hoch

Die deutschen Hitzewarnungen sollten gemäß dem dieser Tabelle des DWD in 4 Hitzewarnstufen erfolgen (den obersten 4 der Tabelle) in Verbindung mit jeweiligen Begriff des gesundheitlichen Gefährdung.

Grenzwerte zur unmittelbaren Reduzierung zusätzlicher Belastungen

Neben all den notwendigen Klimaanpassungsmaßnahmen sind in einer Hitzekrise die zusätzlichen Belastungen, neben denen der Hitze, überall dort wo möglich unmittelbar zu reduzieren.

Luftqualität

Artikel über die Gefährlichkeit von Luftschadstoffen

“… im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte eine überwältigende Menge an neuen Erkenntnissen zu den gesundheitlichen Auswirkungen von Luftverschmutzung gewonnen wurde. Die Auswirkungen von Luftverschmutzung auf die Gesundheit sind gravierend und betreffen fast alle Organsysteme des menschlichen Körpers (Thurston et al. 2017). Diese schädlichen Auswirkungen sind nicht auf hohe Belastungen beschränkt, sondern selbst bei niedrigen Konzentrationen deutlich unterhalb existierender gesetzlicher Grenzwerte zu beobachten. Besonders wichtig ist, dass bisher keine sicheren Schwellenwerte identifiziert werden konnten, unter denen Luftverschmutzung harmlos wäre (Brauer et al. 2019; Brunekreef et al. 2020; Dominici et al. 2019). Luftverschmutzung der Außenluft und in Innenräumen war 2019 für etwa 12% aller globalen Todesfälle mit verantwortlich. Damit rangiert Luftverschmutzung auf Platz 4 der wichtigsten Risikofaktoren für Krankheiten und Sterblichkeit weltweit und ist somit der wichtigste Risikofaktor nach Bluthochdruck, Rauchen und schlechter Ernährung (Murray et al. 2020).

Es besteht inzwischen ein breiter Expertenkonsens darüber, dass Luftverschmutzung neben den oben erwähnten Schäden für die Gesundheit auch eine enorme finanzielle Belastung für die Gesellschaft verursacht. Die wirtschaftlichen Kosten beliefen sich im Jahr 2013 auf 5 Billionen US-Dollar allein für die globalen gesundheitsbezogenen externen Kosten, mit zusätzlichen 225 Milliarden US-Dollar durch verminderte Arbeitsproduktivität (Weltbankgruppe 2016). Für die Europäische Region der WHO beliefen sich die jährlichen wirtschaftlichen Gesamtkosten durch Gesundheitsauswirkungen und erhöhte Sterblichkeit auf ca. 1,6 Billionen US-Dollar (Angaben für 48 Staaten mit entsprechenden Daten, WHO-Regionalbüro für Europa, ⁠OECD⁠ 2015). Die neuen Luftqualitätsleitlinien der WHO kommen zur rechten Zeit: Die Europäische Union (EU) stellt derzeit ihre bisherige Luftreinhaltepolitik auf den Prüfstand und erarbeitet eine Aktualisierung der EU-Luftqualitätsrichtlinie (Europäische Kommission 2004, 2008). Neben einer erheblichen Absenkung der empfohlenen Richtwerte für PM2.5 und NO2 in der Außenluft ist die wichtigste Aussage der aktualisierten WHO Luftqualitätsleitlinien, dass jede Reduktion gesundheitsrelevanter Luftschadstoffe gesundheitliche Vorteile bringt, selbst an Orten mit bereits relativ niedrigen Schadstoffkonzentrationen. Lineare Expositions-Wirkungs-Beziehungen bis hinunter zu den niedrigsten beobachtbaren Konzentrationen zeigen, dass alle Menschen von sauberer Luft profitieren (Huangfu und Atkinson 2020; Lee et al. 2020; Chen und Hoek 2020; Orellano et al. 2020; Zheng et al. 2021). Diese Erkenntnisse sind zentral für die Überarbeitung der europäischen Luftreinhaltepolitik.

Die Erkenntnis, dass gesundheitsschädliche Auswirkungen der Luftverschmutzung bei allen, selbst bei den niedrigsten gemessenen Konzentrationen zu beobachten sind, ist ein Meilenstein für eine zukünftig bessere und effektivere Prävention von Luftschadstoffbezogenen Erkrankungen. Es ist ein Weckruf, dass die geltenden Gesetze und Verordnungen zur Luftqualität überdacht werden müssen, um deutliche, weitere Verbesserungen zu erzielen. Die alleinige Regulierung von Maximalkonzentrationen, wie sie derzeit in den meisten Regelwerken zur Luftreinhaltung weltweit verankert ist (Kutlar Joss et al. 2017), führt zu keinem ausreichenden Schutz der Bevölkerung, da nach Erreichen fester gesetzlicher Grenzwerte wenig Anreiz für eine weitere Absenkung der Luftschadstoffkonzentrationen besteht. Die neuen Erkenntnisse zeigen jedoch wie wichtig es ist, auch Maßnahmen zur Herabsetzung der durchschnittlichen Belastung in der Bevölkerung zu ergreifen. Damit würden erhebliche Präventionseffekte erzielt, weil die gesamte Bevölkerung von solchen Reduktionen zu einer sauberen Luft hin profitiert.

Erforderlich ist ein Paradigmenwechsel in der Luftqualitätsregulierung – vom ausschließlichen Fokus auf feste Grenzwerte hin zum Konzept einer Kombination fester Grenzwerte mit einer kontinuierlichen Senkung der immer noch zu hohen durchschnittlichen Belastung. So enthält beispielsweise das derzeitige Luftreinhaltegesetz der EU bereits ein unverbindliches Ziel zur Reduzierung der durchschnittlichen Konzentration von PM2.5 (Europäische Kommission 2008). Die für 2022 anstehende Überarbeitung der EU-Gesetzgebung bietet die Möglichkeit, hier eine Vorreiterrolle einzunehmen und verbindliche Ziele zur Reduzierung der durchschnittlichen Konzentration für Luftschadstoffe in Kombination mit niedrigeren festen Grenzwerten einzuführen.

…

Der geschätzte gesundheitliche Nutzen einer verbesserten Luftqualität übersteigt bei weitem die Kosten für die erforderlichen Maßnahmen. Für die USA wurde geschätzt, dass der Nutzen aus der geringeren Sterblichkeit, den niedrigeren medizinischen Ausgaben für luftverschmutzungsbedingte Krankheiten und der höheren Produktivität der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer etwa 30-mal größer ist als die Kosten für die Maßnahmen des Clean Air Act (US amerikanisches Luftreinhaltungsgesetz) der letzten 30 Jahre. Die Umsetzung der Maßnahmen führte insgesamt zu einer Nettoverbesserung des Wirtschaftswachstums und des Wohlstands der Bevölkerung (U.S. EPA. 2015). Auch in China war der Nutzen für die öffentliche Gesundheit 50 % größer als die Kosten für die Verbesserung der Luftqualität, die im letzten Jahrzehnt erzielt werden konnte (Zhang et al. 2019). In der Europäischen Union würden zusätzliche Maßnahmen zur Luftreinhaltung und zum ⁠Klimaschutz⁠, die über die derzeitigen Verpflichtungen hinausgehen, zu einem Nettonutzen mit positiven makroökonomischen Auswirkungen führen (Amann et al. 2017). Die Kosteneffizienz von Maßnahmen zur Verbesserung der Luftqualität wird durch den engen Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung und Treibhausgasemissionen verstärkt. Eine Verringerung der ⁠Emission⁠ von Luftschadstoffen wirkt sich daher in der Regel auch positiv auf das Erreichen der Klimaneutralität aus und umgekehrt, sodass sich die Vorteile von Investitionen in einem Bereich doppelt bezahlt machen (Amann et al. 2014).

Luftverschmutzung stellt weltweit eine große Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung dar und verursacht selbst bei sehr niedrigen Konzentrationen eine Reihe von schwerwiegenden Gesundheitsschäden. Deshalb ist es wichtig, dass neben einer Absenkung von festen Grenzwerten auch die durchschnittliche Belastung der Bevölkerung abgesenkt wird. Der wirtschaftliche Nutzen einer besseren Luftqualität ist Berechnungen zu Folge erheblich höher als die Kosten für die Umsetzung von Luftreinhaltemaßnahmen. Diese Maßnahmen tragen außerdem zur Bekämpfung des Klimawandels bei. Wir unterstützen entschieden die neuen ambitionierten Luftqualitätsleitlinien der WHO und empfehlen den politischen Entscheidungsträgern nachdrücklich, diese Luftqualitätsleitlinien als Leitfaden für umfassende und ehrgeizige Maßnahmen zur Verringerung der Emissionen und zur Verbesserung der Luftqualität in Deutschland, Europa und auf der ganzen Welt zu nutzen.”

Gesündere Luft für alle UBA

Neben den vielfältigen grundsätlichen gesundheitliche Belastungen durch Luftschadstoffe, sind in einer Hitzekrise insbesondere Stickoxid, Ozon und Feinstaub besonders belastend. Entsprechend gilt es diese in Hitzekrisen zu reduzieren.

https://www.healthychildren.org/English/safety-prevention/all-around/Pages/how-climate-change-heat-and-air-pollution-affect-kids-health.aspx

Als Grundlage für die Schadstoffbelastungsgrenzwerte kann die WHO air quality guideline die für normale Randbedingungen gilt und entsprechend auf Grund der zusätzliche Hitzebelastung angepasst werden muss.

WHO air quality guideline

“Luftverschmutzung stellt weltweit eine große Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung dar und verursacht selbst bei sehr niedrigen Konzentrationen eine Reihe von schwerwiegenden Gesundheitsschäden. Deshalb ist es wichtig, dass neben einer Absenkung von festen Grenzwerten auch die durchschnittliche Belastung der Bevölkerung abgesenkt wird. Der wirtschaftliche Nutzen einer besseren Luftqualität ist Berechnungen zu Folge erheblich höher als die Kosten für die Umsetzung von Luftreinhaltemaßnahmen. Diese Maßnahmen tragen außerdem zur Bekämpfung des Klimawandels bei. Wir unterstützen entschieden die neuen ambitionierten Luftqualitätsleitlinien der WHO und empfehlen den politischen Entscheidungsträgern nachdrücklich, diese Luftqualitätsleitlinien als Leitfaden für umfassende und ehrgeizige Maßnahmen zur Verringerung der Emissionen und zur Verbesserung der Luftqualität in Deutschland, Europa und auf der ganzen Welt zu nutzen.”

Stellungnahme des UBA zu den WHO-Luftqualitätsleitlinien 2021

https://www.bundestag.de/resource/blob/930620/a61b0efed7e518a849d3502182f7be5e/WD-8-089-22-pdf-data.pdf

https://www.exhaustion.eu/resources/the-eu-ambient-air-quality-directive-should-take-into-account-interactive-health-effects-of-air-pollution-and-heat-stress

noch festzulegende Grenzwerte

Lärm

Die Lärmgrenzwerte sollten zumindest von 20:00 – 7:00 auf 45 dB für Warnstufe 1 und 2 und 35 dB für Warnstufe 2 und 3 ohne Lärmspitzen festgelegt werden. Auch sollte in Hitzekrisen ein stricktes Nachflugverbot mindestens von 20:00 – 7:00 gelten mit Ausnahmen nur für tatsächliche Notfälle.

Passive Mobilitätsreduktion

Der städtische Wärmeinseleffekt führt dazu, dass sich Städte deutlich stärker aufheizen als ihr Umland. Dies wird meist richtigerweise auf die zunehmende Flächenversiegelung zurückgeführt. Dies rückgängig zu machen, ist jedoch oft kein Prozess, der sich schnell umsetzen lässt. Doch ein weiterer entscheidender Faktor wird häufig übersehen: das Auto. Aus mehreren Gründen verstärken Autos die Hitze noch mehr als die reine Flächenversiegelung.

Neben den gesundheitsgefährdenden und belastenden Emissionen von Kraftfahrzeugen sind diese auch die zweitgrößte Quelle direkter anthropogener Wärme (nach Gebäuden).

Wie Kraftfahrzeuge die Stadt zusätzlich aufheizen:

  • Aufheizung durch Metall
    Metallkarosserien heizen sich noch stärker auf als Asphalt. Das hat zur Folge, dass jedes geparkte Auto die Straße heißer macht, als sie es ohne das Fahrzeug wäre. Je nach Ausrichtung der Straße kann dieser Effekt die Temperatur bei nur zehn parkenden Autos um bis zu 1,6 Grad ansteigen lassen.
  • Blockierte nächtliche Abkühlung
    Wenn ein Parkplatz tagsüber leer bleibt und erst abends genutzt wird – wie es in Wohngebieten oft der Fall ist –, heizt sich der Boden im Laufe des Tages auf. Nachts verhindert das darauf geparkte Auto dann, dass der Parkplatz schnell abkühlt, sodass die Wärme länger gespeichert bleibt. Dieser Effekt ist bisher noch nicht gründlich erforscht.
  • Abwärme im Betrieb
    Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor erzeugen während der Fahrt Wärme. Auch dieser Effekt ist bisher kaum untersucht, aber Studien deuten darauf hin, dass ein vollständiger Umstieg auf Elektrofahrzeuge die Temperaturen auf stark befahrenen Straßen um 1 Grad senken könnte. Zudem trägt die Abwärme von Autoklimaanlagen weiter zur Erhitzung der Straßen bei.

https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0959652623042555?via%3Dihub

https://vcoe.at/publikationen/vcoe-factsheets/detail/wie-verkehr-die-hitzebelastung-in-staedten-verschaerft