Vizion Zero

Straßenräume prägen unseren Alltag – und sie gehören zu den komplexesten Umgebungen, in denen Menschen sich bewegen. Von ihnen gehen vielfältige Gefahren aus. Die größte ist die Gefahr, durch Kraftfahrer getötet oder schwer verletzt zu werden.

In einer Gesellschaft, die sich als zivilisiert versteht, sollte alles getan werden, um Verletzungen und Todesfälle – auch im Straßenverkehr – zu verhindern. Dennoch werden Opfer im Verkehr bis heute vielfach als unvermeidliche Begleiterscheinung unseres Mobilitäts- und Konsumverhaltens hingenommen – als eine Art „Kollateralschaden“ des modernen Lebens. Diese Haltung steht im Widerspruch zu einem humanistischen Menschenbild und zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit ist unantastbar und wiegt schwerer als ökonomische Interessen oder individuelle Bequemlichkeit. Eine sichere Mobilität für alle – insbesondere für Kinder und andere verletzliche Verkehrsteilnehmende – ist daher kein Luxus, sondern eine zivilisatorische Verpflichtung.

Eine sichere Mobilität ist die Basis für Freiheit und Teilhabe – insbesondere für Kinder, ältere Menschen und alle, die ohne schützende Karosserie unterwegs sind.

Wir müssen das Denken hinter uns lassen, das Getötete und Verletzte im Straßenverkehr als unvermeidbaren Preis unserer Kraftfahrzeugmobilität betrachtet.

Nur wer versteht, wie tief das Auto in unser Denken und Fühlen eingreift, erkennt, dass eine sichere Stadt nicht allein durch Straßenbau oder Verkehrsrecht entsteht. Erst das Zusammenwirken von Gestaltung, Kontrolle und Bewusstseinsbildung kann die Grundlage schaffen für ein neues Miteinander im öffentlichen Raum – eines, das die Verletzlichsten schützt, ohne die Gesellschaft weiter zu spalten.

Straßen bergen jedoch weit mehr als physische Kollisionsgefahren. Abgase und Lärm beeinträchtigen die Gesundheit, Hitzeinseln und fehlende Natur belasten Körper und Psyche gleichermaßen. Ein unfreundliches, funktional überfrachtetes Straßenbild erzeugt Stress, reduziert Lebensqualität und verstärkt das Gefühl von Unsicherheit. Zugleich verschärfen fehlende Klimaanpassungsmaßnahmen – von Schatten bis Wassermanagement – die Folgen von Hitzeperioden und Starkregen.

Politik und Verwaltung sind also aufgefordert, umgehend deutlich verbesserte Sicherheitsbedingungen im Straßenverkehr zu schaffen. Dabei hat entsprechend dem verfassungsmäßigen Grundprinzip der rechtsstaatlichen Zurechnung die Entschärfung von Konfliktsituationen zu Lasten des Verkehrsteilnehmers zu erfolgen, von dem die Gefahr ausgeht.

Ziel ist ein Straßenraum, in dem Menschen geschützt sind – unabhängig von Alter, Mobilität oder Fortbewegungsart.

Sichere Straßen sind kein Zufall. Sie sind das Ergebnis bewusster Entscheidungen, kluger Gestaltung und einer gemeinsamen Verantwortung für das Wohlergehen aller.

aktuelle Situation und Probleme

In den letzten 10 Jahren wurden in der EU 8 100 Kinder im Straßenverkehr getötet! Fast 20 000 Menschen haben in 2024 auf EU Straßen ihr Leben gelassen.

2023 wurden in Deutschland 27.235 Kinder unter 15 Jahren bei Kollisionen und Stürzen im öffentlichen Straßenverkehr verletzt!

Die Zahl der getöteten Radfahrer nimmt weiter zu.

Jeder 6. Unfalltote war mit dem Fahrrad unterwegs.

2024 wurden 441 Radfahrer getötet, 92.882 verletzt.

Autofahrende sind die mit Abstand größte Gefahr.

In 75% der Fällen tragen Autofahrer die Hauptschuld

In Deutschland wird jeden Tag mehr als 1 Mensch auf dem Fahrrad getötet und 254 weitere verletzt.

16.500 Verletzte, 1920 Schwerverletzte und 55 Tote, darunter 24 Fußgänger und 11 Radfahrer. Das ist die erschreckende Verkehrsbilanz 2024 allein für Berlin.

Die Schulwegs­unfallzahlen sowie die Zahlen der getöteten Kinder, zu Fuß Gehenden und Radfahrenden steigen erstmals seit den 1970er-Jahren wieder.

car brain

Das Phänomen des „Car Brain“ – Wie häufiges Autofahren das menschliche Gehirn verändert

Die Wissenschaft hat festgestellt, dass das Gehirn von Autofahrenden sich durch die häufige Tätigkeit des Fahrens tatsächlich strukturell und funktionell verändert. Dieses Phänomen verleiht der Idee des sogenannten Car Brain – also einer automobilgeprägten Denkweise – eine physiologische Grundlage. Ursache ist die Neuroplastizität, die lebenslange Fähigkeit des Gehirns, sich durch Lernen und Erfahrung neu zu vernetzen und umzubauen.

Im Folgenden werden die wichtigsten wissenschaftlich belegten problematischen Veränderungen beschrieben, die durch regelmäßiges Autofahren entstehen:

Funktionaler Umbau – vom bewussten Steuern zum Autopilot

Häufiges Autofahren verwandelt eine ursprünglich anspruchsvolle Tätigkeit in eine automatisierte Routine. Dieser Prozess spiegelt sich direkt in der Gehirnaktivität wider:

  • Neurale Autobahnen: Wiederholtes Fahren aktiviert das prozedurale Gedächtnis, wodurch die Handlung zunehmend unbewusst und effizient abläuft.
  • Energieeffizienz: Studien zeigen, dass das Gehirn von Fahrenden deutlich weniger aktiv ist als das von Beifahrenden – das Denken schaltet gewissermaßen in den Energiesparmodus.
  • Macht und Kontrolle: Verkehrsexperten wie Hermann Knoflacher führen das subjektive Machtgefühl beim Fahren auf diese tieferliegende, automatisierte Kontrolle zurück, die evolutionär im Stammhirn verankert ist.
  • Geschwindigkeitseffekt: Je schneller ein Fahrzeug bewegt wird, desto stärker reduziert sich die bewusste Wahrnehmung – ein neurophysiologisches „Abschalten“, das Sicherheitsrisiken verstärken kann.

Psychophysiologische Veränderungen – verzerrte Wahrnehmung und Risikoabwägung

Das Fahren im geschlossenen Fahrzeugraum verändert die Wahrnehmung von Raum, Distanz und Geschwindigkeit.

  • Unterschätzte Entfernungen: Eine Studie der Universität Trier zeigte, dass Autofahrende Distanzen massiv unterschätzen – eine reale Entfernung von 20 Metern wurde als etwa 12 Meter wahrgenommen, also eine Fehleinschätzung von über 40 %.
  • Gefährdung: Diese Verzerrung führt dazu, dass Abstände beim Überholen oder Auffahren falsch eingeschätzt werden – mit direkten Folgen für die Sicherheit anderer Verkehrsteilnehmer.
  • Soziale Wahrnehmung: Radfahrende und Fußgänger werden dadurch nicht nur räumlich, sondern auch psychologisch „weiter weg“ erlebt. Das kann zur bekannten Überlegenheitswahrnehmung und Entkopplung von der realen Gefährdung führen – einem Kernaspekt des Car Brain.

Fazit

Das, was in den Sozialwissenschaften als Car Brain oder Motornormativität bezeichnet wird – also die Überhöhung des Automobils und die Abspaltung von Gefahr und Verantwortung – hat eine biologische Entsprechung im Gehirn:

  • Automatisierung senkt die kognitive Wachsamkeit,
  • Psychophysische Verzerrung führt zu gefährlicher Fehleinschätzung.

So entsteht eine kognitive und emotionale Realität, in der Geschwindigkeit, Kontrolle und Machtgefühle das Bewusstsein über die eigene Gefährdung – und die anderer – überlagern.
Das Car Brain ist somit kein bloßes Bild, sondern ein reales Produkt unseres Nervensystems – und erklärt, warum Vernunftappelle allein oft nicht reichen, um unser Verhalten im Straßenverkehr zu verändern.